Chemie
Cybersicherheitspflichten für Chemieproduzenten, Chemiedistributoren und Betreiber von Störfallanlagen
Ist Ihr Unternehmen betroffen?
- Hersteller chemischer Stoffe und Gemische ab 50 Mitarbeitern oder 10 Mio. € Jahresumsatz (NIS2UmsuCG Anhang II, Nr. 3)
- Unternehmen des Chemiehandels und der Chemiedistribution, einschließlich Lagerung und Umschlag gefahrstoffhaltiger Güter
- Betreiber von Anlagen der Störfall-Verordnung (12. BImSchV), bei denen ein Ausfall der Prozessleittechnik zu einem Freisetzungsereignis führen kann
- Pharmazeutische Wirkstoffhersteller und Auftragsfertiger, soweit sie nicht bereits über den Gesundheitssektor erfasst sind
- Betreiber von Chemieparks mit gemeinsam genutzter Ver- und Entsorgungsinfrastruktur, deren Standortdienste mehrere Produzenten tragen
NIS2-Anforderungen nach Art. 21
- 01.
Trennung von Sicherheitsleittechnik und Prozessleitsystem
Schutzeinrichtungen der Funktionalen Sicherheit (SIS/PLT-Schutz) müssen so von der Prozessleitebene entkoppelt sein, dass eine Kompromittierung des Leitsystems die Schutzfunktion nicht aushebelt. Die Rückwirkungsfreiheit ist zu belegen, nicht nur zu behaupten.
- 02.
Zusammenführung von Safety und Security in der Risikoanalyse
Chemieanlagen werden seit Jahrzehnten sicherheitstechnisch betrachtet, aber getrennt von der IT. NIS2 verlangt eine Risikobetrachtung, in der ein Cyberangriff als auslösendes Ereignis für ein Störfallszenario auftaucht — das ist die Schnittstelle zur Störfall-Verordnung.
- 03.
Absicherung der Rezeptur- und Chargendaten
Rezepturen, Batch-Records und Freigabeparameter steuern, was tatsächlich produziert wird. Manipulierte Sollwerte sind ein Qualitäts- und Gefährdungsrisiko zugleich. Gefordert sind Integritätsschutz, revisionssichere Änderungshistorie und ein Vier-Augen-Prinzip bei Freigaben.
- 04.
Sicherheit vernetzter Feldgeräte und Fernwartung
Messumformer, Analysengeräte und Aktoren sind zunehmend netzwerkfähig, ihre Lebensdauer übersteigt jedoch die Supportzyklen der Hersteller. Für nicht patchbare Komponenten sind kompensierende Maßnahmen zu dokumentieren — Segmentierung, Zugriffsbeschränkung, Überwachung.
- 05.
Lieferkettensicherheit bei Roh- und Vorprodukten
Die Chemiebranche arbeitet mit tiefen Wertschöpfungsketten und knappen Vorprodukten. Ein Ausfall beim Vorlieferanten wirkt sich unmittelbar auf die eigene Produktion aus. NIS2 verlangt, Sicherheitsanforderungen vertraglich zu verankern und die Abhängigkeiten zu kennen.
- 06.
Meldepflicht bei produktionsrelevanten Vorfällen
Erhebliche Sicherheitsvorfälle sind binnen 24 Stunden als Frühwarnung und binnen 72 Stunden mit Bewertung an das BSI zu melden. Betreiber von Störfallanlagen müssen den Meldeweg zusätzlich mit den Pflichten gegenüber der Immissionsschutzbehörde abstimmen, damit im Ernstfall nicht zwei Prozesse gegeneinander laufen.
- 07.
Notbetrieb und geordnetes Herunterfahren
Kontinuierliche Verfahren lassen sich nicht beliebig stoppen — ein ungeordneter Abbruch erzeugt eigene Risiken. Die Notfallplanung muss beschreiben, wie eine Anlage ohne funktionierendes Leitsystem in einen sicheren Zustand gebracht und dort gehalten wird.
Typische Bedrohungsszenarien
Angriff auf die Sicherheitsleittechnik einer Petrochemieanlage
Schadsoftware zielte gezielt auf ein Notabschaltsystem des Typs Triconex und versuchte, dessen Schutzlogik zu verändern. Der Angriff wurde nur entdeckt, weil eine fehlerhafte Manipulation die Anlage in den Notaus fahren ließ — es war der erste bekannte Fall von Malware, die auf eine Schutzeinrichtung selbst abzielte.
Triton/Trisis-Angriff auf eine Petrochemieanlage (Saudi-Arabien, 2017)Langzeitspionage im Netzwerk eines Chemiekonzerns
Angreifer der Winnti-Gruppe hielten sich über einen längeren Zeitraum unentdeckt im Unternehmensnetz eines deutschen Chemie- und Pharmakonzerns auf. Der Fokus lag nicht auf Erpressung, sondern auf Forschungsdaten — ein Muster, das Betreiber mit eigener Verfahrensentwicklung besonders betrifft.
Winnti-Malware bei Bayer (Deutschland, entdeckt 2018)Ransomware beim Chemiedistributor
Ein Ransomware-Angriff auf den weltgrößten Chemiedistributor legte Teile der nordamerikanischen Geschäftsprozesse lahm. Betroffen war nicht die Produktion, sondern Auftragsabwicklung und Logistik — der Fall zeigt, dass in der Distribution die kaufmännische IT der kritische Pfad ist.
DarkSide-Ransomware bei Brenntag (2021)Maßnahmen-Checkliste
- Zonen- und Conduit-Modell nach IEC 62443 für Prozessleitsystem, Sicherheitsleittechnik und Betriebsnetz
- Nachweis der Rückwirkungsfreiheit zwischen Schutzeinrichtung und Leitsystem, dokumentiert und wiederkehrend geprüft
- Gemeinsame Bewertung von Safety- und Security-Szenarien unter Beteiligung von Verfahrenstechnik und IT
- Integritätsschutz für Rezepturen und Chargenparameter mit revisionssicherer Änderungshistorie
- Asset-Inventar aller Feldgeräte samt Firmware-Stand, Supportstatus und kompensierender Maßnahmen
- Fernwartungszugänge nur zeitlich befristet, mehrstufig authentifiziert und vollständig protokolliert
- Anomalieerkennung auf Basis der Prozessdaten, nicht nur der Netzwerkdaten — abweichende Sollwerte fallen dort zuerst auf
- Abgestimmter Melde- und Eskalationsplan zwischen IT-Sicherheit, Werkfeuerwehr und Immissionsschutzbeauftragtem
- Geübter Notbetrieb mit definiertem sicheren Anlagenzustand bei Ausfall des Leitsystems
- Sicherheitsanforderungen an Vorlieferanten und Lohnfertiger vertraglich verankert und regelmäßig überprüft
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